Archive | August 2014

Heckenschützen des Imperiums – oder wenn sich zwei bekämpfen, ist oft eine Dritte Kraft im Spiel!

Am Abend des 20. Februar 2014 konnte nach langen Verhandlungen zwischen dem  Dreiergespann der EU-Außenminister (Frankreich, Deutschland, Polen) und dem ukrainischen Präsidenten Janukowitsch eine Einigung erzielt werden. Diese sah unter anderem noch im Jahr 2014 vorgezogene Präsidentschaftswahlen, sowie die Bildung einer Übergangsregierung innerhalb von zehn Tagen vor.

Allerdings hielt der Frieden nicht lange an:

Nach einer kurzen Unterbrechung und trotz der Ankündigung einer Einigung wurden die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Kiew am 21. Februar fortgeführt. Es kam erneut zum Einsatz von Schusswaffen. Von Seiten vieler Regierungsgegner wurde betont, die von Janukowytsch angekündigten Schritte seien nicht ausreichend, der Präsident müsse sofort zurücktreten und vor ein Gericht gestellt werden. Nach offiziellen Angaben vom 21. Februar 2014 seien bei den Kämpfen mindestens 77 Menschen getötet worden

(Quelle: wikipedia / Euromaidan)

Aus welchen logischen Überlegungen heraus hätte Janukowitsch, nachdem eine Übereinkunft mit der EU erzielt worden war, die auf Neuwahlen im Herbst zielte und ihn somit weitere Monate im Amt belassen hätte, in der selben Nacht und am folgenden Tage mit Scharfschützen auf Demonstranten schießen sollen und damit die ganze Situation auf eine unkontrollierbare Eskalation zu treiben?

Die westlichen Medien hatten keine Sekunde gezögert und alsgleich Janukowitsch die Schuld für die Toten zugewiesen.

Ein paar Tage nach den Ereignissen wurde allerdings ein pikantes Telefongespräch geleakt und auf YouTube veröffentlicht. Die Onlineausgabe der FAZ berichtete darüber am 5. März 2014:

faz.net, 05.03.2014

faz.net, 05.03.2014

In diesem unbemerkt mitgeschnittenem Gespräch unterhielten sich der Außenminister Estlands, Urmas Paet und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton über die Todesschüsse auf dem Maidan am 20. und  21. Februar. Paet äußerte sich besorgt über Hinweise, dass nicht Janukowitschs Einheiten für die Toten verantwortlich wären:

Auszug:

Eine Ärztin (Olga Bogomolez) habe ihm berichtet, dass Scharfschützen auf die Menschen in Kiew schossen und sie töteten. „Ihr zufolge deuten alle Indizien darauf hin, dass Menschen auf beiden rivalisierenden Seiten von ein und demselben Scharfschützen erschossen wurden“, sagte Außenminister Paet in dem Gespräch, das auch vom Moskauer Staatsfernsehen veröffentlicht wurde. Die Ärztin habe gesagt, dass alle Menschen mit der gleichen Munition und auf die gleiche Art und Weise getötet wurden.

Die Majdan-Koalition sei nicht gewillt, die Umstände der Todesschüsse zu klären, sagte Paet, das sei besorgniserregend. Damit sei der „Verdacht erhärtet, dass hinter den Scharfschützen nicht Janukowitsch, sondern jemand aus der Koalition gestanden habe“  soll Paet in dem Gespräch am 26. Februar gesagt haben.

(Quelle: faz.net, 05.03.2014)

Wenn man also Janukowitsch als Urheber der Todesschüsse ausschließt, wer käme dann hierfür in Frage?

Nach meinem Dafürhalten gibt es hierfür nur zwei Möglichkeiten, entweder :

Kräfte der ukrainischen „Opposition“, die auf eigene Faust oder mit US-Unterstützung endlich Nägel mit Köpfen machen und die angespannte Situation noch schnell ausnützen wollten, bevor durch die Einigung mit der EU, Ruhe ins Land gekommen wäre.

Die USA selbst, die sich seit langem offen gegen den ukrainischen Präsidenten stellten und insgesamt 5 Milliarden US-Dollar in das Land pumpten, um einen „Regime Change“ herbeizuführen.

Zumal sie mit Jazenjuk bereits einen geeigneten Kandidaten aufgebaut hatten (s.hier), der im Anschluss an die weitere Eskalation aufgrund der Todesschüsse auf dem Maidan, dann tatsächlich Präsident der ukrainischen Übergangsregierung wurde. Zufall?

1. Kräfte der ukrainischen „Opposition“
In diesem Zusammenhang ist es interessant einen Blick auf den gehackten Email-Verkehr zwischen Vitali Klitschko und Laurynas Jonavicius, seines Zeichens Berater des litauischen Präsidenten, zu werfen.

07.12.2013
Ein anderes Problem das ich ansprechen möchte ist, dass Janukowitsch sich zurückhält.

14.12.2013
Ich werde alles was ich kann dafür tun, den Erwartungen meiner europäischen Partner zu entsprechen. Ihr Kollege ist angekommen und hat mit meinem Team angefangen zu arbeiten. Er ist ein echter Profi und ich denke seine Dienste werden notwendig sein gerade wenn das Land destabilisiert ist.

09.01.2014
Ich denke wir haben den Weg geebnet für eine radikalere Eskalation der Situation. Ist es nicht an der Zeit für entschiedenere Aktionen? Ich möchte auch bitten über die Möglichkeit einer stärkeren Finanzierung nachzudenken, um unsere Unterstützer für ihre Dienste zu bezahlen.

(Quelle: hinter-der-fichte.de, 28.02.2014)

Hier die Email vom 9. Januar 2014 in der Originalversion:

09.01.2014, Email Klitschko

09.01.2014, Email Klitschko

(Quelle: hinter-der-fichte.de, 28.02.2014)

Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist zunächst einmal die zum Ausdruck gebrachte Betrübnis Klitschkos in der Email vom 7. Dezember ob der Zurückhaltung Janukowitschs. (Mit Zurückhaltung ist hier zweifelsohne der Einsatz von schärferen Maßnahmen der Polizei zur Niederschlagung der mehr und mehr aggressiv vorgetragenen Proteste gemeint)

In diesen Kontext ist auch Klitschkos Aussage vom 9. Januar einzuordnen, dass der Weg geebnet worden sei für weitere Eskalationen.

2. Die USA

Verfolgt man die Piste bezüglich einer Verantwortlichkeit der USA – was ohnehin unternommen werden müsste, da insbesondere die Baltischen Staaten aber auch Polen und nicht zuletzt maßgebliche Kräfte in der damaligen ukrainischen „Opposition“ von den USA instruiert wurden und nach wie vor werden – ist es angebracht folgendem Indiz nachzugehen:

Am 9. März zitierte die WELT den neuen Innenminister der Ukraine und Mitglied der Übergangsregierung, Arsen Awakow folgendermassen:

„Ich kann nur eins sagen: Der wichtigste Faktor in diesem Aufstand, der Blut in Kiew vergoss und der das Land auf den Kopf stellte und schockierte, war eine dritte Kraft„, sagte der Minister. „Und diese Kraft war keine ukrainische.“

(Quelle: welt.de, 09.03.2014)

Der frisch ernannte ukrainische Innenminister spricht also von einer Dritten Kraft, die nach seiner Einschätzung für die Todesschüsse verantwortlich sei.

Am 10. April berichtete das ARD-Magazin MONITOR über diese und andere Hinweise, die den Verdacht erhärteten, dass die Todesschüsse nicht auf die Einsatzkräfte der Polizei zurückzuführen sind, sondern auf unbekannte Schützen:

Das ARD-Team traf einen Demonstranten namens Mikola, der sich am Tag der Todesschüsse stundenlang in der Nähe des Tatortes aufhielt. Mikola äusserte, dass sie, die Demonstranten von hinten beschossen wurden, vom Hotel Ukraina aus, welches von den Oppositionnellen kontrolliert wurde:

Mikola: „Ja, am zwanzigsten wurden wir von hinten beschossen, vom Hotel Ukraina, vom 8. oder 9. Stock aus.“

Reporterin: „Von der achten oder neunten Etage?“

Mikola: „Ja, auf jeden Fall fast von ganz oben.“

Reporterin: „Von da oben?“

Mikola: „Ja, da standen Leute oben und haben geschossen und aus der anderen Richtung hier wurden wir auch beschossen.

Reporterin: „Und wer hat von oben geschossen?“

Mikola: „Das weiß ich nicht.“

Reporterin: „Haben Sie eine Ahnung?“

Mikola: „Das waren Söldner, auf jeden Fall Profis.“

Die Journalisten von MONITOR werden nachts von einem Ermittler an den Tatort geführt an dem Bäume stehen, die Einschlusslöcher aufweisen. Mit Hilfe eines Laserapparates zeigt er ihnen, dass die Schusskanäle zum Hotel Ukraina zeigen, also zur Zentrale der Demonstranten.

Anschliessend trift das deutsche Presseteam auf einen Amateurfunker, der den Funkverkehr der staatlichen Scharfschützen abgehört und aufgenommen hatte:

1. Scharfschütze: „He, Leute, ihr da drüben, rechts vom Hotel Ukraina.“

2. Scharfschütze: „Wer hat da geschossen? Unsere Leute schießen nicht auf Unbewaffnete.“

1. Scharfschütze: „Jungs, da sitzt ein Spotter, der zielt auf mich. Auf wen zielt der von der Ecke. Guckt mal!“

2. Scharfschütze: „Auf dem Dach vom gelben Gebäude. Auf dem Kino, auf dem Kino.“

1. Scharfschütze: „Den hat jemand erschossen. Aber nicht wir.“

2. Scharfschütze: „Miron, Miron, gibt es da noch mehr Scharfschützen? Und wer sind die?“

MONITOR kommt zu folgender Schlussfolgerung:

Es gab neben den Regierungs-Scharfschützen also noch andere unbekannte Schützen, die auf unbewaffnete Demonstranten geschossen haben. Und, wer immer vom Hotel Ukraina schießt, hat – so legt dieses Video nahe – auch diese Milizionäre getroffen. Dass Janukowitsch auf die eigenen Leute hat schießen lassen, ist unwahrscheinlich.

Zitat eines hochrangigen Mitglieds der Ermittlungskommission:

Das, was mir an Ergebnissen meiner Untersuchung vorliegt, stimmt nicht mit dem überein, was die Staatsanwaltschaft erklärt

Oleksandr Baschuk, Anwalt der Geschädigten:

… die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht richtig, die decken ihre Leute, die sind parteiisch, so wie früher. Die wollen wie in der Sowjetunion oder unter Janukowitsch alles unter der Decke halten, so ist das

Schlussmoderation von MONITOR:

Bei allen offenen Fragen, dass ein Vertreter der nationalistischen Svoboda-Partei als Generalstaatsanwalt die Aufklärung des Kiewer Blutbads ganz offensichtlich behindert, wirft ein schlechtes Bild auf die neue Übergangsregierung – und damit auch auf all jene westlichen Regierungen, die die neuen Machthaber in Kiew unterstützen.

(Quelle: wdr.de, 10.04.2014)

Die Zeitung „Junge Welt“ veröffentlichte am 22. August 2014 ein Interview, welches der Ukrainische Generaloberst Ruban einer ukrainischen Zeitung gab. Er spricht von einer Dritten Seite, die im Konflikt mitmischen würde und augenscheinlich ein Interesse daran habe, die gegenerischen Parteien anzustacheln.

Junge Welt, 22.08.2014

Junge Welt, 22.08.2014

(Quelle: jungewelt.de, 22.08.2014)

Auszug:

Gerade ist der Bau  (Anm.: Die Technische Hochschule in Donezk) von einer Granate getroffen worden …
Das ist eine interessante Frage, woher die Granate gekommen ist. Es gibt eine »dritte Seite« – wir nennen sie jetzt so –, die diese Granaten verschießt und die Schuld der einen oder anderen Seite zuschreibt.

Wer ist diese »dritte Seite«?
Ich weiß es noch nicht, ich habe keine entsprechenden
Informationen. Wir nennen das, als Arbeitstitel, »dritte Seite«. Besler von den Aufständischen nennt sie so, und die Leute in Donezk sagen es auch. Nach diesen Leuten wird gefahndet, um herauszubekommen, wer diese Saboteure geschickt hat.

(Quelle: jungewelt.de, 22.08.2014)

Halten wir fest, dass auch ein hochrangiger Militär der Ukrainischen Armee von einer Dritten Kraft, bzw. von einer Dritten Seite spricht, welche offenbar versucht durch abwechselnde Anschläge auf beide Kriegsparteien, die kriegerischen Auseinandersetzungen „am Köcheln zu halten“.

Wer könnte diese Dritte Kraft sein?

Es ist seit langem kein Geheimnis mehr, dass sich bereits zu einem frühen Zeitpunkt CIA-Leute in der Ukraine befanden und nach wie vor befinden. Dass aber selbst der deutsche Medienmainstream unverhohlen darüber berichtete, dass auch US-Söldner vor Ort aktiv sind, war einigermaßen erstaunlich.

spiegel.de, 11.05.2014

spiegel.de, 11.05.2014

Auszug:

400 US-Söldner sollen in der Ostukraine gegen die Separatisten kämpfen. Das berichtet „Bild am Sonntag“ und beruft sich dabei auf Geheimdienstinformationen. Die Kämpfer kommen demnach vom Militärdienstleister Academi, früher bekannt als Blackwater.

Ein Zeitungsbericht legt nun nahe, dass an der Sache womöglich doch etwas dran sein könnte: Laut „Bild am Sonntag“ werden die ukrainischen Sicherheitskräfte von 400 Academi-Elitesoldaten unterstützt. Sie sollen Einsätze gegen prorussische Rebellen rund um die ostukrainische Stadt Slowjansk geführt haben. Demnach setzte der Bundesnachrichtendienst (BND) die Bundesregierung am 29. April darüber in Kenntnis. Wer die Söldner beauftragt habe, sei noch unklar.

(Quelle: spiegel.de, 11.05.2014)

Über Academi, bzw. Blackwater ist bei wikipedia folgendes zu erfahren:

Die Veröffentlichung des Kriegstagebuchs des Irak-Krieges durch WikiLeaks (Iraq War documents leak) dokumentiert, dass Blackwater-Angestellte schwere Misshandlungen im Irak begingen, einschließlich Ermordung von Zivilisten.

(Quelle: wikipedia.org/academi)

Die NachDenkSeiten veröffentlichten am 29. August die auf deutsch übersetzte Version eines am 14. August publizierten Artikels des renommierten niederländischen Journalisten Karel van Wolferen.

(Von 1972 an war van Wolferen für viele Jahre Südostasienkorrespondent für die niederländische Zeitung NRC Handelsblad. 1987 erhielt er den niederländischen „Preis für die Tageszeitungsjournalistik“ für besondere journalistische Leistungen.)

„Die Ukraine, korrupter Journalismus und der Glaube der Atlantiker“

Es ist unwahrscheinlich, dass die amerikanischen NGOs plötzlich aus der Ukraine verschwunden sind, die öffentlich zugegebene fünf Milliarden Dollar für politische Destabilisierungsmaßnahmen im Vorfeld des Februar-Putsches in Kiew ausgegeben haben, oder dass amerikanische Militärberater oder Spezialeinsatzkräfte unbeteiligt dabeigesessen haben, als Kiews Militär und Milizen ihre Bürgerkriegs-Strategie aufgemalt haben; die neuen Verbrecher hängen als Regime schließlich am finanziellen Tropf von Washington, der Europäischen Union und des IWF. Wir wissen, dass Washington das fortlaufende Töten im Bürgerkrieg, das es ausgelöst hat, weiter befeuert.

(Quelle: nachdenkseiten.de, 29.08.2014)

Heckenschützen/Scharfschützen bei anderen Konflikten

SYRIEN 2012/2013

Als ich im Zusammenhang mit den Todesschüssen auf dem Maidan zum ersten mal etwas von einer sogenannten „Dritten Kraft“ zu hören bekam, kam mir sogleich ein Interview in den Sinn, welches die FAZ im Sommer 2013 mit dem syrischen Präsidenten Assad führte.

faz.net, 17.06.2013

faz.net, 17.06.2013

Auch Assad sprach von einer äusseren Kraft, die bewusst den Konflikt in Syrien anheizte, in dem bei Demonstrationen sowohl Demonstranten als auch Polizisten erschossen wurden:

Seit den ersten Tagen wird mir die Frage gestellt, wann die Krise zu Ende geht. Meine Antwort war, die Krise könnte lange Zeit dauern. Denn der externe Faktor ist offensichtlich. Eine innere Krise wird entweder endgültig gelöst, oder sie entwickelt sich in einen Bürgerkrieg. Weder ist das eine passiert noch das andere. Der Grund dafür ist der externe Faktor, der bemüht ist, die Krise politisch und militärisch zu verlängern…

Schon in den ersten Demonstrationswochen hat es unter der Polizei Tote gegeben, Märtyrer. Wie konnte es bei friedlichen Demonstrationen dazu kommen, dass Polizisten getötet wurden? Unter den Demonstranten waren Bewaffnete, die auf die Polizisten schossen. Manchmal waren sie auf Plätzen unweit der Demonstration, und vor dort schossen sie auf Demonstranten und Polizisten, damit man annimmt, die eine Seite habe auf die andere das Feuer eröffnet.

(Quelle: faz.net, 17.06.2013)

VENEZUELA 2001

Die englische Zeitung The Guardian berichtete im Jahr 2002 über die Machenschaften der damaligen US-Regierung beim versuchten Staatstreich in Venezuela 2001.

guardian.co.uk, 21.04.2002

guardian.co.uk, 21.04.2002

(Quelle: theguardian.com, 21.04.2002)

Bei einer Demonstration von Oppositionellen wurden von Scharfschützen 19 Menschen getötet und 60 verletzt.

An eyewitness with military experience, who was shot himself, reported most victims being killed with precise head shots and alerted the crowds to the danger of snipers. Some of the victims (which included both opposition and Chavistas) were shot in locations not reachable from the bridge, being around corners from the main street

Ein Augenzeuge mit militärischer Erfahrung, der selbst erschossen wurde, berichtete, dass die meisten Opfer mit gezielten Kopfschüssen ermordet wurden und er machte die Menge auf die Gefahr der Heckenschützen aufmerksam. Einige Opfer (die beiden Seiten beinhaltete, sowohl Opposition als auch Chavistas/Regierungsanhänger) wurden an Örtlichkeiten erschossen, die von der Brücke [Anm.: wo sich die Polizei befand] aus nicht erreichbar waren …

(Quelle: wikipedia/Venezuelan coup d’etat)

Willy Wimmer

Im nachfolgenden Beitrag werde ich einen Menschen vorstellen, eine wichtige Persönlichkeit des politischen Deutschlands, sowohl der alten Bonner Republik als auch – zumindest bis zu den Jahren nach der Jahrtausendwende – der Berliner Republik.

Es handelt sich hierbei um Willy Wimmer, der in seiner politischen Laufbahn verschiedene und wichtige Ämter im Bereich der Außen- und Verteidigungspolitik innehatte.

Durch seine politischen Tätigkeiten und den damit verbundenen Einsichten erachte ich ihn für enorm wichtig, in der – für den Fortbestand unserer Demokratie – essentiellen Auseinandersetzung mit den etablierten (in dieser Thematik de facto “gleichgeschalteten”) Massenmedien um die Deutungshoheit in außenpolitischen Fragen.

Nebenbei dient dieser Artikel wiederum für mich als zentraler Speicherort für interessante Dokumente und Links.

Willy Wimmer, Jahrgang 1943, ist ein rheinischer Christdemokrat und war von 1976 bis 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. Zwischen 1985 und 1992 war er erst verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU- Bundestagsfraktion und anschließend Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Von Juli 1994 bis Juli 2000 war er Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).

Es dürfte jedem einleuchten, dass ein Mann mit dieser Vita schlechterdings als Spinner, Verschwörungstheoretiker oder Aluhutträger abgetan werden kann. Da dies eben nicht möglich ist, kommt Willy Wimmer in den, auf NATO-Linie getrimmten Medien, schlichtweg nicht zu Wort.

Folgende Beschreibung zweier wichtiger Etappen in Wimmers Friedensengagement sind von Dirk Müllers Seite cashkurs.com übernommen:

Jugoslawien

1999 sprach er sich gegen den Kosovo-Krieg aufgrund der Ansicht aus, dass es sich um einen ordinären Angriffskrieg handelte. Unter anderem erhob er schwere Vorwürfe gegen den damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer sowie Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, denen er schwerwiegende Manipulation vorwarf.

Irak

2003 zog er gemeinsam abermals zusammen mit Peter Gauweiler in einem offenen Brief an die CDU/CSU-Bundestagsfraktion Parallelen zwischen dem Jugoslawien- und dem Irak-Krieg. Danach wurden „sowohl die Intervention der USA im Irak als auch die Bombardierung Jugoslawiens und seiner Hauptstadt Belgrad durch die NATO ohne ein Mandat der UNO“ ausgestattet. Vor dem Hintergrund der deutschen Völkerrechtslehre sei dieser Aspekt zutreffend und mit Nachdruck als völkerrechtswidrig bewertet worden. Im Irak-Krieg sei die Weltöffentlichkeit mit Unwahrheiten bedient worden.

(Quelle: cashkurs.com, „Über Willy Wimmer“)

Übersicht über die im Beitrag verlinkten Dokumente, Video- und Audiointerviews:

1. Brief an Gerhard Schröder (2. Mai 2000)

2. Video-Interview auf KenFM.de (22. März 2014)

3. Video-Interview auf KenFM.de (9. Juni 2014)

4. Vortrag und Podiumsdiskussion auf den Pleisweiler Gesprächen (24. Juni 2014)

5. Audio-Interview mit dem deutschsprachigen Radio Teheran (3. August 2014)

Vor ein paar Jahren stieß ich im Internet zufällig auf einen Brief Willy Wimmers an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder aus dem Jahr 2000. Im Anschluss einer vom US-Aussenministerium anberaumten Konferenz in Bratislava, formulierte er an den Bundeskanzler seine Besorgnis, resultierend aus unverblümten Äußerungen von hochrangigen US-Aussenpolitikern. Seinerzeit gab ich diesem Brief wenig Beachtung, außer dass ich Respekt empfand für einen aufrechten CDU-Politiker, der sich nicht scheute US-amerikanische Aussenpolitik öffentlich kritisch zu beurteilen (damals war ich noch in der irrigen Annahme gefangen, Grüne Politiker würden sich vorbehaltlos für den Frieden einsetzen und CDU-Politiker wären insgesamt leichter für Militäreinsätze zu begeistern).

Durch die Zuspitzung im Konflikt um die Ukraine und meine damit verbundene Recherche nach seriösen, aufrichtigen Einschätzungen und Beurteilungen, kam ich wieder mit dem Namen Willy Wimmer in Berührung und schliesslich auch mit besagtem veröffentlichten Brief.

1. Brief an Gerhard Schröder (2. Mai 2000)

Auszug:

3. Die europäische Rechtsordnung sei für die Umsetzung von

NATO-Überlegungen hinderlich. Dafür sei die amerikanische

Rechtsordnung auch bei der Anwendung in Europa geeigneter…

4. Der Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien sei geführt worden, um eine Fehlentscheidung von General Eisenhower aus dem 2. Weltkrieg zu revidieren. Eine Stationierung von US-Soldaten habe aus strategischen Gründen dort nachgeholt werden müssen…

11. Die Feststellung stieß nicht auf Widerspruch, nach der die

NATO bei dem Angriff gegen die Bundesrepublik Jugoslawien gegen jede internationale Regel und vor allem einschlägige Bestimmungen des Völkerrechts verstoßen habe…

Nach dieser sehr freimütig verlaufenen Veranstaltung kommt man in Anbetracht der Teilnehmer und der Veranstalter nicht umhin, eine Bewertung der Aussagen auf dieser Konferenz vorzunehmen.

Die amerikanische Seite scheint im globalen Kontext und zur Durchsetzung ihrer Ziele bewusst und gewollt die als Ergebnis von 2 Kriegen im letzten Jahrhundert entwickelte internationale Rechtsordnung aushebeln zu wollen. Macht soll Recht vorgehen. Wo internationales Recht im Wege steht, wird es beseitigt. Als eine ähnliche Entwicklung den Völkerbund traf, war der Zweite Weltkrieg nicht mehr fern. Ein Denken, das die eigenen Interessen so absolut sieht, kann nur totalitär genannt werden.

Und hier der gesamte Brief in der Originalversion:

2000-05-02 wimmer_an_schröder - cashkurs1 - zusammengefügt farbe

(Quelle: cashkurs.com)

 

2. Video-Interview auf KenFM.de (22. März 2014)

Im März 2014 wurde Willy Wimmer von Ken Jebsen interviewt. Wimmer konnte hier in Ruhe und in einer, von den etablierten Medien mittlerweile nicht mehr gewohnten Ausführlichkeit, seine kritischen Schlussfolgerungen bezüglich der US-amerikanisch dominierten Aussenpolitik des sogenannten „Westens“ darlegen.

Als interessanter Einstieg beginnt dieses Interview mit Wimmers Einschätzung, dass die USA gewissermaßen als Nachfolger des Britischen Imperiums auch dessen geopolitische Leitlinien übernommen hätten. So wie die Briten nach 1815, dem Sieg gegen das Frankreich Napoleons, kein Interesse gehabt haben, dass zwischen den europäischen Kontinentalmächten zu viel Kooperation besteht, so hätten auch die USA ab Mitte der 1990er Jahre weiterführende Kooperationsinitiativen auf dem Eurasischen Kontinent bewusst verhindert.

Ab Minute 08:20 spricht Wimmer davon, dass die Amerikaner ab 1993 ihre Vorstellungen des Kapitalismus über Europa gestülpt haben und deutsche Christdemokraten, die in den internationalen Zusammenkünften das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft hochhielten, als Kommunisten abgekanzelt wurden.

Ab Minute 35:45

Die Amerikaner haben sich als Sieger des Dritten Weltkrieges gesehen und die Russen als Verlierer behandelt und nicht als Partner. Die russische Wirtschaft wurde aufgrund amerikanischer Ratschläge in den 1990er Jahren „unters Eis gedrückt“. 2005-2007 sollte das russische Erdgas- und Erdölpotential nach New York ausgeliefert werden und das ist verbunden mit dem Namen: Chodorkowski: „Die Russen haben lange zugewartet aber sie haben sehen müssen, dass aus dem Westen für sie nichts Gutes kam“

Ab Minute 50:30

Bei einer 14-tägigen Stabsrahmenübung der NATO Ende der 1980er Jahre, wurden auch Atombombenangriffe auf Potsdam und Dresden „durchgespielt“. Bundeskanzler Kohl und Willy Wimmer haben daraufhin diese Übung verlassen.

3. Video-Interview auf KenFM.de (9. Juni 2014)

Am 9. Juni wurde auf KenFm ein weiteres Interview mit Willy Wimmer veröffentlicht

4. Vortrag und Podiumsdiskussion auf den Pleisweiler Gesprächen (24. Juni 2014)

Bei den von Albrecht Müller initiierten und jährlich stattfindenden Pleisweiler Gesprächen, war dieses Jahr Willy Wimmer als Redner eingeladen. (Albrecht Müller war Planungschef im Bundeskanzleramt unter den Bundeskanzlern Brandt und Schmidt. Weiter war er von 1987 bis 1994 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages und ist seit 2003 als Autor und Herausgeber der NachDenkSeiten tätig)

Der Vortrag Wimmers sowie eine anschliessende Podiumsdiskussion sind auf den NachDenkSeiten hinterlegt:

Link: nachdenkseiten.de, 24.06.2014

5. Audio-Interview auf Radio Teheran (3. August 2014)

Anfang August gab Wimmer Radio Teheran ein Telefoninterview in deutscher Sprache. Themen: seit über 100 Jahren Krieg im Nahen Osten, US-Aussenpolitik, Ukrainekonflikt …

Minute 01:30

„…, dann müssen wir vermutlich dazu kommen die gesamte amerikanische und englische Politik seit Anfang des 20. Jahrhunderts neu zu bewerten.“

Minute 02:45

„…, dann haben Mitte der 90er Jahre die Vereinigten Staaten sich entschieden von allen Konferenzprojekten, die auf Verständigung ausgerichtet waren, Abstand zu nehmen“

Minute 03:50

„Das ist die Konsequenz einer amerikanischen Politik die auf das Ausgreifen nur mit militärischen Mitteln gesetzt hat… „Diese militärische Komponente wird jetzt ausgespielt und da spielen Opfer offensichtlich keine Rolle.“

Minute 04:50

„Ich würde es nicht ausschließen wollen, dass die Vereinigten Staaten aus ihrer Insellage heraus … eine Neubewertung ihrer Politik vorgenommen haben. Unter dem Gesichtspunkt: in einer Welt, die von Zusammenarbeit und dem friedlichen Beilegen von Konflikten bestimmt ist, … in einer solchen Welt haben die Vereinigten Staaten nicht die Chance ihren Militärapparat auszuspielen und sie haben möglicherweise auch nicht die Chance ihre heutige Rolle insgesamt zu wahren.“

Minute 13:22

(auf die Frage, warum die Europäer die verhängnisvolle US-Politik die Ukraine betreffend und darüber hinaus mitmachen): „Weil sie den Amerikanern gegenüber kein Rückgrat haben!“

Link: Iran German Radio, 03.08.2014